Geschlecht ist ein Effekt sozialen
Handelns und sozialer
Instituionaliserungsprozesse,
nicht deren natürliche Vorgabe.

Theoretische Konzeptionen

Der Sozialkonstruktivistische Bezugsrahmen

Das Konzept der sozialen Konstruktion von Geschlecht gehört international zu den dominierenden theoretischen Orientierungen in der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung. Es begreift Geschlecht als Effekt sozialen Handelns und sozialer Institutionalisierungsprozesse und nicht als deren natürliche Vorgabe (Gildemeister/Wetterer 1992). Dieser Grundgedanke, der heute große Teile der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung verbindet, hat Eingang gefunden in ein breites Spektrum theoretischer und empirischer Studien.

Untersucht werden:

Das Konzept geht auf zwei Klassiker der Mikrosoziologie zurück: auf Harold Garfinkels 1967 erschienene "Studies in Ethnomethodology" und auf Erving Goffmans zehn Jahre später veröffentlichte Ausführungen zum "Arrangement der Geschlechter". Sie zeigen, wie die Geschlechtszugehörigkeit von Personen im Alltagshandeln interaktiv hergestellt und in institutionellen Arrangements auf Dauer gestellt wird, ohne dass dies bei den Gesellschaftsmitgliedern die geringsten Zweifel an der Natürlichkeit des sozialen Systems der Zweigeschlechtlichkeit und der Geschlechtszugehörigkeit von Personen auslöst.

In der Geschlechterforschung des angelsächsischen Sprachraums ist der Gedanke einer "social construction of gender" bereits Ende der siebziger Jahre aufgegriffen worden. Bahnbrechend war hier zunächst die inzwischen zum Klassiker gewordene Studie "Gender. An Ethnome-thodological Approach" der Soziologinnen Susan Kessler und Wendy McKenna (1978). Theoretisch weiterentwickelt und empirisch präzisiert wurde das Konzept vor allem in den 90er Jahren (West/Zimmermann 1987, Lorber 1994, dt. 1999).

Mit Judith Butler ("Gender Troubles", dt.1991) gewann eine zweite und bis heute wichtige Spielart des Konstruktivismus Gestalt und wissenschaftliche Anerkennung: diskurstheoretische und dekonstruktivistische Konzepte, die den Prozess der Geschlechterkonstruktion aus erkenntnistheoretischen Gründen auf der Ebene von Diskursen lokalisieren. Wichtig ist sie v.a. für die Analyse des Zusammenhangs von Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität geworden, die in der Queer Theory zur Entwicklung des Konzepts der Heteronormativität geführt hat (Hark 1993, 1999).

In jüngster Zeit ist die Frage aufgeworfen worden, ob sich mit dem Paradigma der sozialen Konstruktion von Geschlecht alle Ebenen des Sozialen und alle Dimensionen des Geschlechterverhältnisses angemessen erfassen lassen oder ob konstruktivistische Ansätze nicht nach Anschlussmöglichkeiten in Theorien suchen sollten, die sich auf die Meso-Ebene sozialer Institutionen und die Makro-Ebene gesellschaftlicher Strukturzusammenhänge beziehen (Wetterer 1995, 2002). Hier eröffnen sich Verbindungslinien zu institutions- und organisationssoziologischen Konzepten sowie zu Struktur-Theorien der sozialen Ungleichheit. Kontrovers wird gegenwärtig zudem diskutiert, ob wir neben dem "doing gender" heute nicht auch Prozesse und Praktiken des "undoing gender" beobachten können und in die Analyse einbeziehen müssen (Hirschauer 1994, 2001). In engem Zusammenhang damit steht die Frage, ob sich in Zeiten der zweiten Moderne eine "De-Institutionalisierung der Geschlechterdifferenz" abzuzeichnen beginnt (Heintz/Nadai 1998), da in funktional differenzierten Gesellschaften die Unterscheidung und Hierarchisierung der Geschlechter zunehmend dysfunktional wird und stattdessen andere Differenzierungslinien an Bedeutung gewinnen. Diese und andere durchaus sehr kritischen Auseinandersetzungen mit den Grundannahmen des Sozialkonstruktivismus zielen weniger darauf ab, ein alternatives Paradigma einzuführen, als vielmehr darauf, neue Perspektiven aufzunehmen, um den Blick für Prozesse des sozialen Wandels im Geschlechterverhältnis zu öffnen bzw. zu schärfen.

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