Eine Geschlechterforschung aus
kulturanthropologischer Perspektive
thematisiert die Frage des
Geschlechts in erster Linie in ihren
spezifischen kulturellen und
zeitlichen Kontexten.

Theoretische Konzeptionen

Kulturanthropologische Theorien

Die kulturanthropologische Fragestellung zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Konstruktion von Identität und Alterität sowie die Relationalität zwischen Differenz- und Identitätsbildungsprozessen in den Vordergrund stellt (Fuchs/Berg 1993, Augé 1994), was bedeutet, dass auch gefragt wird, wie der kulturell Andere "mich" konstruiert. Eine Geschlechterforschung aus kulturanthropologischer Perspektive thematisiert daher die Frage des Geschlechts in erster Linie in ihren spezifischen kulturellen und zeitlichen Kontexten, nicht um vergleichend zu arbeiten, sondern um das unterschiedliche Potential von Konstruktionen von Geschlechteridentitäten und -differenz im Geflecht verschiedener kultureller Beziehungen zu ermitteln. In Anlehnung an die angloamerikanische Genderforschung zielt die Verwendung des Begriffs Gender im Unterschied zu Geschlecht auf die Vermeidung von Dichotomiebildung, indem sie von vorneherein Transgressionen von Gender als kulturelle Möglichkeit einbezieht (Hauser-Schäublin 1991 Dictionnaire de l'Ethnologie 1991).
Körper-Körperlichkeit wird nicht als biologische Konstante, sondern als kulturell vermittelt verstanden, was konkret bedeutet, dass kulturell unterschiedliche Körpertechniken und verschiedene Formen des Körperhabitus realisiert werden können (Mauss, Douglas). Ihre kulturelle Spezifik gewinnen Körpertechniken wie Formen des Körperhabitus gerade durch ihre Einbettung in die materielle Kultur: Als Gestalter prägt der Mensch die materielle Kultur (Objekte, Techniken usw.) und diese wiederum wirkt auf den Menschen, d. h. auf Körper und Geschlecht zurück. Diese wechselseitige Beziehung beinhaltet auch die kulturhistorische Dimension, durch die Geschlechtskörper nicht als ausschließlich im performativen Diskurs erzeugt, sondern zugleich als historisch geprägt verstanden werden (vgl. Duden 1999).
Die materielle Kultur bildet daher einen entscheidenden Ort, an dem die Geschlechteridentitäten, -beziehungsmuster und -bilder entstehen, verhandelt und bedeutet werden: sie werden sowohl auf der unmittelbar körperlich-sinnlichen wie symbolisch vermittelten Ebene relevant: sei es durch Herstellung, Gestaltung und Umgang mit den Dingen (Produktion, Techniken, Technologien), durch Konstruktion von Gender über Besitzstrukturen und kulturelle Ordnungen (Recht, Ökonomie), durch symbolische Repräsentationen (Kleidung, Lebensstil) (Hauser 1992) oder sozialimaginäre Bedeutungskonstruktionen (Castoriadis 1997).
Der in der feministischen Theorie unterschiedlich verwendete Technik- oder Technologiebegriff stellt sich in der kulturanthropologischen Forschung immer bereits als kontextbezogen dar, wodurch die ideologischen und politischen Positionierungen feministischer Theorien weitgehend vermieden werden (vgl. Saupe 2002). In einer sehr weiten Definition wird aus kulturanthropologischer Sicht Technik als materialisiertes Denken definiert werden (Leroi-Gourhan 1988), das immer in gesamte kulturelle Konfigurationen eingebettet ist, sie durchdringt und von ihr durchdrungen wird. Leroi-Gourhans Konzept sieht in der Technik eine dingliche Ausrüstung des Körpers, die je nach ihrer Gestaltung und ihrer Dimension kulturelle Vorstellungen, Einstellungen und Repräsentationen erzeugt. Im Zentrum jeder Ausbildung von Technologie mit ihren Geräten, Verfahren und Ideologien steht für ihn das menschliche Subjekt mit seiner Körperlichkeit, die einen systemischen Zusammenhang ergeben. Die Veränderung eines dieser Elemente bewirkt eine Modifikation des gesamten Ensembles (Dictionnaire de l'Ethnologie 1991).
Die kulturanthropologische Betrachtung impliziert die kulturelle Distanzierung zum eigenen wie zu fremden kulturellen Kontexten, da sie beide - das eigene wie das fremde - als kulturelle Möglichkeiten begreift. Damit verlangt sie auch die Selbstreflexivität als kritisches Instrumentarium des Forschungsvorgehens (Bourdieu 1993, Morin 1997), d. h. die Fähigkeit zur kritischen Überprüfung der eigenen kulturellen Positionierung im Forschungsfeld.

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