Die Wechselwirkungen
zwischen Umfeldbedingungen und
Handlungsoptionen als Potenziale zu
konzeptualisieren beinhaltet,
Frauen und Männer als
AkteurInnen und damit
veränderungsgenerierend zu sehen.



Theoretische Konzeptionen

Das Potenziale- und Feldkonzept

Das Potenziale- und Feldkonzept geht nicht von den Unterschieden zwischen den Geschlechtern aus, sondern von grundsätzlich gleichen Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten, die jedoch durch Umfeldbedingungen und interaktive Prozesse nicht gleichermaßen genutzt werden können. Frauen und Männer sind Subjekte und Objekte zugleich. Sie sind abhängig vom Kräfteverhältnis in ihrem Umfeld, das ihre Potenziale entweder zur Entfaltung bringen oder blockieren kann, dies in Verbindung mit den sich entwickelnden individuellen Selbsteinschätzungen und Selbstkonzepten (Roloff/Metz-Göckel 1995). Gleichzeitig sind die Individuen an der Konstitution der jeweiligen Kräftefelder selbst beteiligt, indem sie bis zu gewissen Grenzen Akteursrollen einnehmen können. Das Potenziale- und Feldkonzept ist damit ein Denk- und Forschungsansatz, der das Phänomen der Geschlechter-Ungleichheit nicht nur erhellen, sondern auch Perspektiven zu seiner Transzendierung und pragmatischen Veränderung aufzeigen kann.
Die Konzeption der Kräftefelder lässt die Möglichkeit "qualitativer Sprünge" zu, die aus der Dynamik der objektiven Beharrungs- wie subjektiven Erneuerungskräfte in den jeweiligen Feldern erwachsen. Dies führt mitten in die Dynamik sich verändernder Geschlechterkonstellationen. Kann die tradierte binäre Geschlechterklassifikation einerseits die Vielfalt sozialer Wirklichkeiten und Erfahrungen von Frauen (wie die von Männern) nicht angemessen erfassen, so lassen sich andererseits die binär codierten Zuschreibungen nicht beliebig außer Kraft setzen. Folglich liegt die Dynamik von Geschlechterkonstellationen in einer dialektischen Bewegung aus binärer Codierung und gleichzeitiger Aufweichung bzw. Verschiebung (perspektivisch: Auflösung), zwischen Ermöglichung und Einschränkung von Potenzialen, zwischen Freiheit und Zwang im Handeln etc.. Diese Wechselwirkungen zwischen Umfeldbedingungen und Handlungsoptionen als Potenziale zu konzeptualisieren beinhaltet, Frauen und Männer innerhalb der jeweiligen Strukturen und Positionen als AkteurInnen und damit veränderungsgenerierend zu sehen.
Das Potenziale- und Feldkonzept wurde vor dem Hintergrund der Erfahrung entwickelt, dass Frauen und Männer unterschiedlich stark an der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung und ihrer beruflichen Verwendung beteiligt sind. In Kritik an vorherrschenden Defizitansätzen zur Erklärung der "Technikdistanz von Frauen" antwortete die Frauenforschung zunächst mit einer Differenzthese, der zufolge die Frauen einen anderen Zugang zur Technik hätten und eine andere Verortung im Selbstkonzept ein differentielles Verhältnis konstituiere (Schiersmann 1987, Ritter 1995, Schründer-Lenzen 1995). In beiden Fällen handelt es sich um theoretische Entwürfe, die Interessen und Leistungen von Frauen vor dem Hintergrund der binären Geschlechterkonstellation und einer an Männern entwickelten Norm von Leistung, Beruflichkeit und Lebensplanung interpretieren. In der Auseinandersetzung mit dem Thema "Frauen in Naturwissenschaft und Technik" wurde mit dem Potenziale- und Feldkonzept ein Zugang zur Erklärung individueller und gesellschaftlicher Ausprägungen von Interessen und Leistungen entwickelt, demzufolge die vorliegenden Daten über Ausmaß und Qualität der Beteiligung von Frauen an natur- und technikwissenschaftlichen Fachgebieten und technologischer Entwicklung nicht das tatsächliche Potenzial anzeigen, das Frauen in diese Entwicklung einbringen könnten (Roloff 1990).
Mit dem Potenziale- und Feldkonzept lassen sich auch Prozesse der Organisationsentwicklung und Geschlechterpolitik analysieren (Roloff 1998 und 2002). Der Blickwechsel, weg von der substantialistischen Sicht auf ‚die Frauen' bzw. ‚die Männer' hin zu den sozialen AkteurInnen beinhaltet, die Dynamik der Geschlechterkonstellationen anhand von Kräfteverhältnissen und sozialen Praktiken der Definition der legitimen Formen der Macht feldspezifisch (z. B. für Hochschule und Wissenschaft) zu rekonstruieren und darin die in den gesellschaftlichen Feldern unterschiedlichen Praktiken von Ver- und Entgeschlechtlichung aufzuspüren (Zimmermann 2000).

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